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Anmerkungen zur Forrester B2C Wave Q2/2020

von | 25. Mai 2020

Quelle : Forrester 

Anmerkungen und Einordnung

zur Forrester Wave für B2C Commerce Q2/2020

Die neueste Forrester Wave oder der neue Gartner Quadrant ziehen jedes Mal wieder unsere Aufmerksamkeit auf sich, die Szene bespricht das Ranking und die Software Anbieter verwenden die allseits bekannten Bilder in ihren Marketingunterlagen. Soweit so gut.

Aber was kann man daraus ableiten und wie kann der Forrester Report helfen, im eigenen Unternehmen eine Entscheidung über das nächste E-Commerce System zu treffen?

Dieser Artikel versucht, den Forrester Report einzuordnen für diejenigen, die eine solche Entscheidung über das nächste E-Commerce System treffen müssen. Die Anmerkungen und die Einordnung basieren auf langjähriger Erfahrung mit den E-Commerce Anbietern, Implementierungspartnern und Projekten – erfolgreichen und weniger erfolgreich. Sie sind aus unserer Sicht allgemein gültig, werden aber hier mit einem Fokus auf Firmen betrachtet, die den E-Commerce aus Deutschland heraus betreiben. Dabei sind neben der Technologie deutsche Ansprechpartner, Angebote für Training und eine Auswahl an Implemen­tierungs­partnern wesentliche Kriterien.

Die wohl größte Überraschung ist, dass der Oracle Punkt scheinbar doch nicht fest auf den Wellen eingraviert ist. So zumindest schien es lange Jahre. Seit atg in 2010 von Oracle gekauft worden ist, zeigt die Erfolgskurve des Produkts, das heute CX Commerce heißt mehr oder minder steil südwärts. In Deutschland gibt es soweit wir wissen einen treuen Kunden, die Telekom – immerhin. Die Lösung hat ein paar Stärken, skaliert und ist robust, aber eben doch ein „Dinosaurier“. Die Implementierung ist äußerst mühsam und aufwendig und es gibt kaum noch Partner mit Erfahrung. Die hohe Wertung kennen wir aus dem Eiskunstlauf. Dort werden die alten Stars auch immer wieder hoch bewertet. Oracle: eher „has been“ als strong.

Forrester listet Adobe, Salesforce und commercetools als Leader, SAP nur als Strong Performer – das wirft Fragen auf.

Salesforce wird zurecht eine deutlich größere Marktpräsenz zugeschrieben. Die Commerce Cloud (so heißen übrigens mittlerweile die Systeme bei Adobe, Salesforce und SAP) hat ein extrem starkes Partnernetzwerk und Salesforce schafft es als einziger Anbieter konsequent die Qualität der Implementierung zu kontrollieren und überprüfen. Anpassungen sind auch hier durchaus mühsam und die Integration in die ach so gelobte Suite ist lange nicht so weit fortgeschritten und direkt nutzbar wie im Marketing behauptet wird. Diese Kritik aber gilt ebenso wie die Namensgleichheit für alle Großen.

Das SAP dahinter zurücksteht ist aus unserer Erfahrung nicht erklärbar. Wenn Salesforce Vorteile für Marken und überschaubare Sortimente darstellen kann, dann kann SAP diese bei komplexen Produkten darstellen und bei allem, was im Weitesten zum Maschinenbau gehört. Die Integration in CRM, CMS und Marketing Lösungen der Anbieter sind bei Beiden nicht perfekt, aber im Ansatz vorhanden. Beide Lösungen sind absolut enterprise-fähig und aus unserer Sicht auf Augenhöhe. Die Abwertung in der Dimension „Strategy“ können wir demzufolge ebenfalls nicht nachvollziehen.

Warum aber Adobe als Leader?

Adobe, vielen immer noch bekannt als Magento, hat den Sprung von Magento 1 auf Magento 2 immer noch nicht vollständig geschafft. Viele Kunden sind extrem frustriert und wenden sich anderen Lösungen zu. Die Probleme mit der Skalierung und großen Katalogen scheinen immer noch vorhanden zu sein. Wir können weder das besonders starke „Offering“ noch die überragende „Strategie“ (jeweils 5/5 Punkten) nachvollziehen und sind gespannt, wann diese Stärken auch wieder in den Markt vordringen und nicht nur bis zu den Analysten. Die einst sehr starke Positionierung von Magento (1), als Open Source E-Commerce Leader im Umfeld mittlerer und kleiner Kunden, bzw. mittlerer und kleiner E-Commerce Lösungen scheint in weiter Ferne. Wir sehen aktuell fast keine Entscheidungen für Adobe Commerce.

Die zweite positive Überraschung ist die starke und aus unserer Sicht gerechtfertigte Position von commercetools als Leader. commercetools hat in den letzten Jahren alles richtig gemacht, die Software vor einigen Jahren komplett neu gebaut. Cloud native und API basiert verfügt commercetools über eine, wenn nicht sogar die modernste Architektur und über ein zügig wachsendes, starkes Netzwerk von Partnern. Aktuell geschieht kaum eine Software- Auswahl in Deutschland und Europa, in der commercetools nicht betrachtet wird. Die Fokussierung auf Commerce ist sinnvoll, die Integration mit den jeweils geeigneten Lösungen für PIM, CMS, CRM und ERP einfach möglich. Der Bewertung als Leader im wahrsten Sinne des Wortes stimmen wir voll und ganz zu. Gäbe es Aktien würden wir kaufen und zum Kauf raten.

Kibo und Big als Strong Performers sind auf jeden Fall auf deren Erfolg im amerikanischen Markt zurückzuführen. Beide haben keine Büros und Ansprechpartner in Deutschland (Big in London und Kiew, Kibo in London). Keiner der Beiden verfügt über ein breites Partner Netzwerk in Deutschland, was eine Implementierung mühsam macht und sehr viel Managementaufwand auf Seiten des Kunden erzeugt. Kibo verfügt über eine mächtige OMS Lösung parallel zur Commerce Lösung, was für manchen Kunden ein interessanter Aspekt sein könnte. BigCommerce erscheint wie ein Mini-Salesforce der frühen Stunden. Es muss sich zeigen, wer auf dem europäischen Markt Fuß fassen kann und will.

Elastic Path hat es auch nach vielen Jahren und mit vielen verschiedenen, z.T. sehr erfahrenen Leuten immer noch nicht in Europa geschafft; Episerver ist in unseren Augen noch mehr Marketing als E-Commerce. Beide spielen nicht in der Liga der anderen Anbieter und erscheinen fast wie Füllmaterial für die Tabellenspalten – Sorry Elastic und Epi.

Aber wo ist Shopify?

Die Kriterien von Forrester sind nach eigener Angabe: substantieller B2C Umsatz >25m$, vertreten in mehr als einer Region. Das trifft auf Shopify ganz sicher zu. Wenig komplexe Produkte und Handelsware können hervorragend in einem Shopify Shop verkauft werden, die Implementierung ist relativ zügig geschehen und daher ebenso (relativ) günstig – unter der Bedingung, dass nicht allzu aufwendige Designs umgesetzt werden sollen. Shopify ist eine gute Alternative für sehr kleine E-Commerce Lösungen, aber ebenso eine valide und einfach zu realisierende Lösung für große Hersteller oder Händler. Shopify hier nicht aufzulisten muss politische Gründe haben.

Verglichen mit Episerver, Elastic Path und SiteCore gibt es aber gerade in Deutschland noch Anbieter, die aus unserer Sicht deutlich stärker zu bewerten sind (in alphabetischer Reihenfolge): Shopware und Spryker.

Shopware leidet noch unter der Transition von Version 5 auf 6. Die ersten Kunden haben es nun gewagt und geschafft. Die Architektur von Shopware 6 ist vielversprechend und wir gehen davon aus, das Shopware bald wieder (zumindest in Deutschland und im Mittelstand) zu alter Stärke erwacht und vielleicht auch darüber hinaus. Es bleibt abzuwarten ob die neue Version ebenso schlank und zügig implementiert werden kann wie V5.

Spryker ist aus unserer Sicht zumindest ein „Contender“ oder „Strong Performer“, vielleicht mehr. Spryker verfügt über das beste Marketing im deutschsprachigen Raum und beinhaltet zudem einige sehr gute und vielversprechende Ansätze. Daher findet ebenso keine Systemauswahl statt, in der Spryker nicht betrachtet wird. Der modulare Aufbau erlaubt sehr unterschiedliche Lösungs-Ansätze und ist für sehr viele Anwendungsfälle geeignet. Für Kunden, die selbst E-Commerce Entwicklungs-Kompetenz aufbauen wollen, ist Spryker neben commercetools eine valide Option. Es bleibt abzuwarten, ob Spryker ebenfalls den Weg zu einer cloud native Lösung gehen wird.

Die großen zwei, Salesforce und SAP haben diesen Weg ebenfalls noch vor sich.

Die Anderen

Neben den genannten Systemen gibt es noch kleinere Systeme: in Deutschland sehen wir immer wieder WooCommerce und Oxid, die aber beide eher (durchaus geeignete) Einsteigerlösungen sind und daher ein direkter Vergleich mit den hier diskutierten Systemen nur bedingt sinnvoll erscheint.

Und der Tyrannosaurus Rex (Websphere Commerce), wiedergeboren als HCL Commerce? Von ihm haben wir bisher nur einmal in Europa im Rahmen einer Auswahl gehört, aber ihn noch bei keinem Kunden gesehen. Wir sind gespannt was HCL daraus macht – T-Rex reloaded.

Die CIG Liste der favorisierten B2C E-Commerce Systeme

In unserer aktuellen Hitliste stehen commercetools, Shopify, Spryker, SAP und Salesforce, abhängig vom jeweiligen Anwendungsfall auf den vordersten Plätzen – Adobe (ehemals Magento) ist mit einem großen Fragezeichen versehen und wir warten auf das Revival von Shopware.

Lutz Seeger

Der Autor ist Partner der Commerce Innovation Group und berät deutsche Unternehmen im kompletten Digitalisierungs-Lifecycle.